Heinrich Dauber / Charlette Auque-Dauber
Das Glück finden in Achtsamkeit und Präsenz – plaidoyer pour le bonheur


Einstimmung
Wie allgemein bekannt, eröffnen die Brüder Grimm ihre Märchensammlung mit den Worten:
„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat…“.
Es ist das Märchen vom Froschkönig oder der Eiserne Heinrich. Dank der Namensgebung meiner Eltern bekam ich [Heinrich Dauber] unzählige Male in meinem Leben zu hören: „Heinrich, der Wagen bricht…“. Meist wussten die, die mich so ansprachen, dann nicht, wie es weitergeht im Text. Nämlich so: „Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als Ihr eine Fretsche
[Frosch] wast [wart].“ Und so endet das Märchen: „Der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.“
Warum war er glücklich? Wovon war er erlöst? Vielleicht vom Wünschen? Genauer: von der Erfüllung seiner Wünsche durch andere, insbesondere durch die Königstochter, von der er nicht genug „kriegen“ konnte? Ist das also die einfache Formel: in stoischer Unabhängigkeit nicht mehr auf die Zustimmung der anderen noch auf die Begierden des Körpers angewiesen‚ „wunschlos glücklich zu sein“ oder sie mit Solons Paradoxon zu beantworten: „Nur Tote können glücklich genannt werden“.
Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir hat einmal gesagt: „Wir wurden alle als Prinzen geboren und enden als Frosch“, als Leute, die im Laufe ihres Lebens immer mehr Wünsche und Ansprüche an sich und andere entwickelt haben, nicht zuletzt den Wunsch glücklich zu sein. Der Frosch als archetypischer „Suchti“, der immer mehr von demselben braucht, dem Wunsch nach Glück, dessen einzige Therapie darin besteht, an die Wand geworfen zu werden? (vgl. die Interpretation dieses Märchens von Jellouschek 1985).
Glück, so lautet unsere Grundthese, findet sich weder in der Selbstverwirklichung des „gelungenen Lebens“ noch im asketischen Rückzug von der Welt und den Menschen, auch nicht im Rückzug auf das eigene Bewusstsein, sondern, wie wir zu zeigen hoffen, im Hier-und-Jetzt einer tieferen Verbundenheit jenseits der Fixierung auf die Erfüllung unserer Wünsche. Dazu bedarf es einer inneren Haltung der Achtsamkeit und Präsenz.
Der Text der Vorlesung wurde von uns getrennt ausgearbeitet, danach ausführlich diskutiert und in zwei Teilen nacheinander vorgetragen; zunächst H.D., anschließend (ab ‚Präsenz als Achtsamkeit für das Leben’) Ch.A.-D. Die damit verbundenen stilistischen Unterschiede wurden bewusst beibehalten.


Unpersönliche Wissenschaft und persönliches Glücksempfinden
Wir alle wissen intuitiv aus alltäglicher Erfahrung, ob wir einem unglücklichen oder einem glücklichen Menschen gegenüber stehen. Glückliche Menschen haben eine andere „Ausstrahlung“ und lösen in uns eine andere „Resonanz“ aus. Glückliche Menschen scheinen in sich zu ruhen, „mit sich-in-Einklang“ zu sein. Offensichtlich können auch Tiere dies unmittelbar erkennen (vgl. Sheldrake 2006).
In meiner Ausbildung als leiborientierter Psychotherapeut habe ich gelernt, die körperliche, seelische und geistige Ebene, also rationale, emotionale und intuitive Prozesse in ihrer unauflöslichen Verschränkung multiperspektivisch zu sehen und zu verstehen. Deswegen ist es oft – nicht nur in der Psychotherapie – hilfreich, mit der Wahrnehmung und fokussierten Lokalisierung von Gefühlen im Körper anzufangen, anstatt nach der Ursachen zu suchen. Wo spürst du das? Wie spürst du das? Anstatt: Warum spürst du das?
Obwohl diese Erkenntnis nicht neu ist, sondern auch in der Pädagogik auf eine lange pädagogische Tradition von Pestalozzi über Fröbel zu Montessori und Gindler bis heute zurückblicken kann, sind in diesem Sinne integrative Konzepte von Bildung und Erziehung eher selten (Fuhr u. Dauber 2002).
Eine Leitfigur dieser Reformbewegung, der Humanistischen Psychologie und Pädagogik, Mitbegründer der Transpersonalen Psychologie, war Abraham Maslow, der ähnlich wie Carl Rogers in fortgeschrittenem Alter die Frage aufwarf, warum es Menschen nicht genügt, es sich äußerlich wohl sein zu lassen, sondern sie darüber hinaus einen tieferen Sinn im eigenen Leben suchen, einen Sinn, der sich nicht in Selbstverwirklichung erschöpft, sondern in einem größeren Sinn- und Seinszusammenhang aufgehoben ist.
Auf einer Konferenz der Association for the Advancement of Psychoanalysis (Oktober 1960) hat er folgende Überlegungen zum Stand der Persönlichkeitswissenschaften, wie er sie nannte, vorgetragen:
„Unsere Zeitschriften, Bücher und Tagungen sind primär für die Mitteilung und Diskussion des Rationalen, Abstrakten, Logischen, Öffentlichen, Unpersönlichen, Nomothetischen, Wiederholbaren, Objektiven, Unemotionalen geeignet.
[] Wir werden dadurch gezwungen, anzunehmen, daß wir (und die wahrgenommenen Objekte) vom Akt der Beobachtung unverändert sind, daß wir distanziert und unbeteiligt bleiben, daß die Subjekt-Objekt-Kluft existiert, daß wir das „Ich“ vom „Du“ trennen können, daß alle Beobachtung, alles Denken, aller Ausdruck und alle Mitteilung kühl sein müssen, daß Erkennen von der Emotion nur kontaminiert oder verzerrt werden kann usw. []
Wir müssen explizit machen, was wir alle implizit akzeptieren, daß unsere Art der Arbeit oft tief erfühlt ist und aus tiefen persönlichen Gründen kommt, daß wir manchmal mit den Untersuchungsobjekten eins werden, anstatt uns von ihnen zu trennen, daß wir gewöhnlich stark engagiert sind und es sein müssen, wenn unsere Arbeit nicht ein Betrug sein soll“ (Maslow 1973, S. 215 f.).
Wenn wir uns also wissenschaftlich mit dem Glück beschäftigen, kommen wir nicht umhin, unsere Erfahrungen in den subjektiven Innenwelten mit einzubeziehen. Als Beobachter der äußeren Welt nehmen wir an der Erschaffung unserer inneren subjektiven Erfahrungen teil.
Unsere elementaren Wünsche, deren Erfüllung wir mit Glück verbinden, sind stets von mindestens zwei Kontexten abhängig: unserem Lebensalter und den damit verbundenen Erfahrungen und dem sozialen und ökonomischen Kontext, in dem wir leben. Was wir unter „Glück“ verstehen, ist also immer relational (nicht relativ), kontextbezogen oder anders ausgedrückt: kann nur als eine Beziehungsqualität beschrieben und benannt werden. Als persönliche Frage, nicht als akademisches Thema, geht es allemal um eine existentielle Dimension unseres (Alltags-) Lebens.



Schatten der Kindheit
Meine Kindheit war in ihrer Grundatmosphäre nicht glücklich und selbst im Rückblick kann ich sie nicht verklären. Nicht nur eine schwere Operation im ersten und eine Nacht des Bombenhagels im zweiten Lebensjahr haben tiefe Spuren in meinem Leibgedächtnis hinterlassen, sich als Erfahrungen von schutzlosem Ausgeliefertsein und Verlassenheit in meinen Körper eingegraben. Prägend für meine Kindheit war vor allem das religiöse Milieu eines pietistischen (schwäbischen) Pfarrhauses, in dem familiäre Katastrophen wie der Tod meines älteren und meines jüngeren Bruders als Prüfungen im Glaubensgehorsam interpretiert wurden. Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak auf dem Altar des Glaubensgehorsams zu opfern, war eine meine Kindheit und Jugend prägende Gestalt.Oder wie es etwa im Brief an die Hebräer theologisch begründet wird: Wie Jesus Christus kann auch der Christ nur durch Leiden in das Reich Gottes gelangen. „Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (Hebräer 5,8 f.).
Glück, irdisches Glück, von sexuellen Glückserfahrungen ganz zu schweigen, kam in diesem kulturellen Milieu nicht vor. Momente des Glücks zu erleben, war unweigerlich mit Schuldgefühlen und Phantasien kommender Bestrafung verbunden (Armbruster et al. 2006).
Diesen seelischen Ballast aufzuarbeiten, war dann zwischen meinem fünfunddreißigsten und fünfundvierzigsten Lebensjahr das Hauptmotiv, eine sich über zehn Jahre hinziehende psychotherapeutische Ausbildung zu machen. In der Gestalttherapie lernte ich, welches Glück es bedeutet, Gefühle zulassen und ausdrücken zu können, mit allen Sinnen wahrzunehmen. In dieser Zeit habe ich, vielleicht ein bisschen spät, das Wünschen gelernt, auch, dass man etwas dafür tun muss und ohne schlechtes Gewissen tun darf, um sie in Erfüllung gehen zu lassen; kurz: volle Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens zu übernehmen. In diesem Kontext hieß und heißt „Glück“ für mich bis heute: voller, d.h. lebendiger, uneingeschränkter Kontakt zwischen Organismus und Umwelt, innen und außen.


Selbstverwirklichung und Selbstbegrenzung
In den letzten Jahren hat sich meine innere Auseinandersetzung mit dem Glück nochmals grundlegend verändert. Hinter der Frage: Wie soll, wie will ich glücklich leben, tauchte die Frage auf: Wie soll, wie kann ich glücklich sterben?
Ein Schlüsselerlebnis in diesem Prozess war die Bitte eines zwanzig Jahre älteren Freundes, der mich, schwer an Krebs erkrankt, anrief und sagte: „Ich möchte dich sehen, ehe ich sterbe. Komm.“ Ich verbrachte eine knappe Woche mit ihm und seiner Familie und wurde Zeuge einer persönlichen Veränderung, die mich tief bewegt hat. Dieser Freund, der als junger Mensch vor den Nazis aus Deutschland geflohen war und dessen ganze Familie in den Gaskammern ermordet wurde, gestand mir, dass er panische Angst vor dem Tod habe, vor allem deshalb, weil er damit die Vorstellung verband, dass sich auch nach dem Tod alles so wie bisher fortsetzen werde. Während unserer Gespräche, meine Rolle beschränkte sich fast gänzlich auf Zuhören, löste sich diese Vorstellung auf und wich einer Haltung der offenen Neugier auf das, was kommen wird, ohne zu wissen oder ergründen zu wollen, was dies sein würde. Die Nähe des Todes, die er spürte, befreite ihn von allen (Selbst-)Konzepten. Kurze Zeit später starb er in großem innerem Einverständnis.
Die Erfahrung mit diesem Freund und der Tod meines wichtigsten Lehrers, Ivan Illich, haben mich in den letzten Jahren dann immer mehr an diesem Ideal zweifeln lassen, glücklich im Leben sei, wer „selbstverantwortlich“ und „nachhaltig wirksam“ handeln könne, sich auch erfolgreich in die gesellschaftlichen Verhältnisse einmischen konnte. Vielleicht ist diese Illusion wichtig, nährt sie doch unser Gefühl, sinnvoll zu leben, Bedeutungsvolles zu vollbringen oder vollbracht zu haben.
Heute glaube ich besser zu verstehen, was Illich als Ursünde, als größtes Übel bezeichnet hat: die „corruptio optimi, quae est pessima“ („Das Verderbnis des Besten ist das Schlimmste“ ), die Versuchung, den Versuch, alles verbessern zu wollen und dadurch nur schlimmer zu machen. Für Illich war die Institutionalisierung der Nachbarschaftlichkeit im spätrömischen Reich und die spätere Ausweitung persönlicher Gastfreundschaft zu einer sozialen Dienstleistung der Beginn einer Perversion des Glaubens, nämlich ein Versuch, „Macht, Organisation, Management, Manipulation und das Gesetz einzusetzen, um die gesellschaftliche Bereitstellung von etwas zu gewährleisten, das seiner Natur nach nichts Anderes sein kann als die freie Entscheidung von Individuen, die die Einladung annahmen, in jedem, den sie dazu ausersehen, das Antlitz Christi wahrzunehmen“ (Illich 2006, 81). Kurz: Mein Glaube, meine Hoffnung auf „Entwicklung“, „Fortschritt“, „Verbesserung“ und „Glück“ ist auf vielen Ebenen ins Wanken geraten. Immer wieder musste ich mir eingestehen, wie erschöpfend und unfruchtbar dieses Programm ist, sich selbst und andere ständig „perfektionieren“ , „verbessern“ , „glücklich“ machen zu müssen – ganz besonders in pädagogischen Kontexten, wenn das, was ist und das, was sein soll, zu weit auseinanderklaffen, was dann im berühmten Helfersyndrom zum Ausdruck kommt und letztlich im „Burn-out“ endet.

Sind nicht auch Glücksgefühle – ebenso wie Gedanken – nur flüchtiger Ausdruck von psychosomatischen Stimmungen, die auf biochemischen Prozessen in unserem Gehirn beruhen? Wie lässt sich dann herausfinden, was „wahr“ ist? Können wir uns von Gefühlen und Intuitionen leiten lassen, was „richtig“ und „falsch“ ist? Wer bin ich? Wer bin ich nicht?


Selbstreflexion und Meditation
Biografisch stand ich damit vor einer neuen Herausforderung, der einer kritischen, meditativen Selbstreflexion, die mich – in fruchtbarer Anregung und Kooperation in gemeinsamen Seminaren mit Ralf Zwiebel und vor allem vielen Gesprächen mit meiner Frau und anderen Freundinnen und Freunden auf diesem Weg – schließlich zu den Kategorien brachte, die im Titel genannt sind: Achtsamkeit und Präsenz. Der folgende Abschnitt entstammt teilweise aus dem Kontext dieser Zusammenarbeit (vgl. Dauber u. Zwiebel 2006, S. 128 ff.).
Der erste Schritt kritischer Introvision oder meditativer Selbstreflexion führt zu der Erkenntnis, dass wir gespeist aus dem Reservoir unserer gespeicherten biografischen Erfahrungen sowohl unsere Innenwelt wie unser Bild von der Außenwelt nach bestimmten Mustern ständig selbst hervorbringen, dass das, was wir denken, empfinden und assoziieren uns nur in Form der Produkte unseres eigenen Geistes zugänglich ist, dass das, was wir „Wirklichkeit“ nennen, mithin und weithin ein Konstrukt unserer geistigen Tätigkeit ist.
Im nächsten Schritt müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass das, was wir bei anderen zu erkennen und vielleicht zu verstehen glauben, ganz besonders aber auch das, was uns bei anderen missfällt und aufregt, zunächst auch nichts anderes als unsere eigenen nach außen verlagerten Gedanken und Gefühle, d.h. Projektionen sind, für die allein wir verantwortlich sind. Hier geht es darum, die eigenen Gedanken und Gefühle als die eigenen Gedanken und Gefühle an-zu-erkennen und zu sich selbst zurückzunehmen (Beck 2000). Dies gilt natürlich auch umgekehrt: Gerade als Pädagogen sind wir oft Übertragungen und Projektionen unserer Schüler (und Studierenden) ausgesetzt, die wir uns – im Guten wie im Schlechten – besser auch nicht zu Eigen machen.
Fängt man an, selbstreflexiv über sich nachzudenken, d.h. erst einmal zu spüren, was da ist, aufkommende Gefühle, Gedanken und Assoziationen wahrzunehmen und deren innerem Zusammenhang nachzugehen, besteht die Gefahr, sich in endlosen Schlaufen von bewertender Selbstbeurteilung zu verlieren. Ich denke nach und bewerte mein Nachdenken, ich denke über meine Bewertung nach und denke, dass ich nicht bewerten soll und so weiter. Anstatt in der Gegenwart, im Hier-und-Jetzt anzukommen, landen wir in Gedanken bei einer endlosen Liste unerledigter Geschäfte. Wir haben keine Zeit in der Gegenwart anzukommen. Aber wie kann man aus dem Karussell von Gedanken und Gefühlen, das dazu tendiert, sich immer schneller und höher zu drehen, aussteigen? Nicht, indem man es anzuhalten versucht. Der Selbstimperativ: „Hör jetzt endlich auf, nachzudenken!“, fixiert einen gerade in dem, was man beenden will. Meiner Erfahrung nach hilft nur, sich dieser Bewegung zu überlassen; allerdings nicht passiv hinzugeben, sondern sie aufmerksam zu beobachten; im Fluss zu bleiben und gleichzeitig am Fluss zu sitzen. In bestimmten pseudotherapeutischen, esoterischen Kontexten, inzwischen auch in Alltagsratschlägen kann man hören: „Du musst einfach loslassen.“ Loslassen ohne Entschlossenheit, auch konzentriert zu beobachten und zu untersuchen, wie der Geist „funktioniert“, ist wertlos und verführt zum ziellosen Abdriften.
Kleine Kinder können (noch) in selbstvergessener Weise sie-selbst-sein. Doch schon bald, im Alter zwischen zwei und vier Jahren, lernen sie, welche Gefühle und Verhaltensweisen sozial akzeptiert sind und wofür man sich schämen muss. Sie lernen, ihre spontanen Impulse immer weniger umzusetzen, sich selbst in ihrer Lebendigkeit auszubremsen. Dann setzt der oft lebenslange Kampf zwischen eigenen Wünschen und sozialen Normen ein, in dessen Verlauf wir uns Vorstellungen und Bilder von der Welt, von anderen Menschen, aber auch von uns selbst machen. Diese Vorstellungen und (Selbst-)Bilder stellen fixierte Erfahrungsmuster dar, auf die wir uns später implizit oder explizit berufen, wenn wir versuchen, uns in der Welt zurechtzufinden (Naranjo 2001). Besonders in Konfliktsituationen kehren wir zu alten Identities (Mustern unseres vergangenen Kind-Ichs) zurück, zum Beispiel angepasst-lieb oder trotzig-rebellisch zu sein (Wolinsky 2001).
Eine alltägliche Erfahrung ist, sich in einer Situation, in der wir keine eindeutigen Informationen haben, in eigenen Befürchtungen und Ängsten zu verlieren und dabei im Hintergrund von einer Reihe ungeprüfter Annahmen auszugehen, die mehr mit unseren alten Selbst- und Fremdbildern als der Realität zu tun haben.
Hier gilt es, verschiedene Annahmen, etwa darüber, was wir im Hintergrund hoffen oder befürchten, was uns glücklich oder unglücklich macht, was wir glauben zu „brauchen“ und „kriegen“ zu müssen im dialogischen Gespräch jenseits der Diskussionen offen zulegen (Bohm 1998). Aber, wie wir alle wissen oder uns wenigstens bei unerwarteten Ereignissen bewusst machen, ist das Leben ebenso unvorhersehbar in dem, was es in Zukunft bringen wird, wie es unbeständig war in dem, was es in der Vergangenheit gebracht hat. Das Leben ist allerdings unmittelbar im Blick auf das, was Hier-und-Jetzt da ist. Mehr oder anderes, als was da ist, gibt es nicht. Anders herum ausgedrückt: Jetzt ist Alles da.
Das Leben richtet sich nicht nach unseren Vorstellungen und Wünschen. Mit Wünschen verbinden wir Erwartungen und dabei geraten wir unvermeidlich in Konflikte, ob und inwieweit die anderen und wir selbst diesen Erwartungen genügen. Erwartungen, auch die Erwartung, vom anderen verstanden zu werden, müssen oft genug scheitern, immer wieder enttäuscht werden. Paradoxerweise sind wir dennoch auch als Erwachsene darauf angewiesen, dass uns jemand die – fürs Überleben des kleinen Kindes – notwendige Sicherheit gibt, zu uns steht, dass wir „sicher“ sein können, uns auf ihn oder sie verlassen zu können.
Dass das Leben, die anderen, die Verhältnisse nicht so sind – jedenfalls nicht ganz so und schon gar nicht auf Dauer –, wie wir es uns wünschen, ist für viele Menschen ein dauernder Konflikt im Hintergrund, ein Grund ständig unzufrieden, unglücklich zu sein. Dann glauben wir, etwas verbessern zu müssen. Doch eben durch diesen Versuch geraten wir in immer tiefere Abhängigkeit, nicht etwa vom Leben, von den Menschen, die uns begegnen – so scheint es nur –, sondern in Abhängigkeit von unseren eigenen Wünschen und Erwartungen und deren Erfüllung. Es ist also ratsam, bei uns selbst anzufangen.
Einen ersten, kleinen Schritt zu innerer Freiheit können wir tun durch Zurücknahme unserer Wünsche und Projektionen, wie die Welt sein soll, dass ich/wir uns darin glücklich fühlen können. Entscheidend ist, dass wir lernen achtsam wahrzunehmen, was und wie wir wahrnehmen, vor allem, wie viel wir ständig abspalten; ob wir zulassen, was da ist; nicht in krampfhafter Selbstbeobachtung, sondern indem wir mit unsererWahrnehmung spielen und den Versuch aufgeben, unsere Wahrnehmung dessen, was in der inneren oder äußeren Realität geschieht, zukontrollieren. (Vielleicht ist dies besonders schwierig für Männer, wofür wir „natürlich“ nichts können, weil es soziobiologisch gesehen, unser genetisches Erbe ist; auch so ein Konstrukt.)
In einem der Seminare zur „dialogischen Selbstreflexion“ mit Ralf Zwiebel haben wir den Studierenden vorgeschlagen, eine viertel oder halbe Stunde ins Freie zu gehen und sich ohne Absicht und Ziel von spontanen Impulsen leiten zu lassen. Bei denen, die es probiert haben und nicht am Schreibtisch sitzen blieben, um darüber nachzudenken, wie sie mit Nachdenken aufhören können, kippte die innere und äußere Wahrnehmung früher oder später um in ein überraschend farbiges und präsentes Gewahrsein im Hier-und-Jetzt. In dieser Übung geht es nicht primär darum, das reflektierende Denken los-zu-lassen, sondern sich in der Wahrnehmung von dem, was da ist, an-sprechen zu lassen, die „Welt als Begierde zu erfahren“. In dieser tantrischen Übung begehren nicht wir einzelne Dinge, sondern fühlen uns – wie im gegenseitigen Verliebtsein – von allem begehrt (Odier 2002).
Kontrolle ist der Versuch, das, was da ist durch etwas zu ersetzen, was war oder sein soll. Wenn wir ICH sagen, vergleichen wir – implizit oder explizit – immer mit alten Erfahrungen und verfangen uns dabei allzu leicht in alten Mustern.
Dadurch vermeiden wir die Radikalität der Erfahrung des Augenblicks, die unvorhersehbar, instabil und unmittelbar ist und uns all der Sicherheiten beraubt, auf die unser Ich so sehr angewiesen scheint, die Sicherheiten, auf denen unser Selbstwertgefühl, unser Glück basiert.
Diese Erkenntnis, wie instabil dieses selbstwertfixierte Ich ist, das uns doch eine gewisse Kontinuität unserer Beziehungen zur Welt und uns selbst verspricht, ist schockierend, kann aber auch gleichzeitig entlastend erlebt werden. Schockierend ist, dass es offenbar keine Sicherheit gibt. Entlastend kann die Erkenntnis sein, dass es deshalb auch zwecklos ist, darüber die Kontrolle ausüben zu müssen, alles im Griff behalten zu wollen. Wie oft bemühen wir uns, etwas zu erreichen und zu kontrollieren, was nicht absichtlich angezielt und erreicht werden kann, weil es spontan stattfindet. Wenn uns das nicht gelingt, werden wir unterschwellig wütend auf uns und die anderen, die uns daran hindern, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Die therapeutische Erfahrung zeigt, wie viele Menschen ständig mit einem Bauch voll unbewusster Wut auf die Welt durch die Gegend laufen und dabei „fortlaufend“ sich und andere schädigen.
Erst wenn uns diese Falle bewusst wird, dass es keine Sicherheit gibt, aber wir deshalb auch keine brauchen, sind wir vielleicht bereit, damit auf-zu-hören, nach Sicherheit und Kontinuität zu suchen, werden wir auch bereit, auf-das-zu-hören, was da ist. Erstaunlicherweise kann sich gerade dann für einen Moment die Erfahrung eines tragenden Grundes einstellen, der sich unserer Kontrolle entzieht und keiner Kontrolle bedarf, die Erfahrung einer unmittelbaren und durch keine Selbst-reflexion gespiegelten Wahrnehmung einer nicht-gespaltenen Wirklichkeit.
Das Handeln, das sich daraus ergibt, ist ebenso absichtslos wie achtsam und der Situation angemessen. Was dann geschieht, ergibt sich aus einer inneren Offenheit und Durchlässigkeit, sich staunend – ohne Erwartung, Angst und Scham – „glücklich“ von dem überraschen zu lassen, was uns begegnet und wirklich werden will.




Achtsamkeit und Präsenz
Was bedeutet dies für die pädagogische Praxis? Ich versuche, fünf allgemeine Konsequenzen für die pädagogische Praxis zu ziehen:
1. Achtsamkeit in der pädagogischen Praxis unterstützt äußere und innere Wachstums- und Reifungsprozesse in einer Weise, dass jeweils frühere Stufen integriert und nächste evoziert werden. Dies bedeutet: altersphasen- bzw. stufengerechte Förderung. Seit den grundlegenden Arbeiten von Jean Gebser aus den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, die in den 80ern für die öffentliche Diskussion wieder entdeckt und durch Ken Wilber, Don Beck und Christopher Cowan, im deutschsprachigen Bereich vor allem durch Martina Gremmler-Fuhr und Reinhard Fuhr, weiterentwickelt und ausdifferenziert wurden, verfügen wir über komplexe Landkarten individueller und kollektiver Bewusstseinsentwicklung. Ich sehe allerdings auch die Gefahr, dass diese Landkarten als Klassifikationssysteme im diagnostischen Sinn missverstanden werden können.
2. Achtsamkeit in der Pädagogik bedeutet: Vermeidung von Festlegungen und die Eröffnung neuer, weiterer Erlebnis-, Erfahrungs- und Reflexionshorizonte.
Praktischer therapeutisch-pädagogischer Grundsatz: „Du bist mehr, als du im Moment von dir sehen und begreifen kannst.“ (Als Kinder und Jugendliche, aber auch noch in unserem Erwachsenenleben waren und sind wir die gegenteilige Botschaft gewohnt: „Du könntest mehr aus dir machen…“ – das Programm der pädagogischen Ich-AG.)
Fast noch wichtiger ist die umgekehrte Formulierung, die Gabrielle St. Clair und Michael Plesse in ihren Seminaren mit Erwachsenen zu verwenden pflegen: „Wenn du dir bewusst machst und anschaust, welche alte Folie, welches alte Muster deine Wahrnehmung im Moment bestimmt (und einschränkt), dann mach dir bewusst, wer du nicht (mehr) bist.“
Die uneingeschränkte Bestätigung und Würdigung dessen, was ein Kind/Jugendlicher/Erwachsener in seiner Lebenssituation und im gegenwärtigen Moment erlebt, unterstützt, fast wie von selbst, die organismischen Selbstverwirklichungstendenzen , die allem geistigen und körperlichen Wachstum zugrunde liegen. Kinder werden verwirrt und in ihrer Verwirrung allein gelassen, wenn ihnen nicht erlaubt wird, über ihre Gefühle zu sprechen und diese zu verstehen. Dies gilt besonders für Beziehungskonflikte in der Familie. Was sie dann in ihr Erwachsenenleben mitnehmen, sind eben diese Muster von Verwirrung, in denen sie sich dann verlieren (Wolinsky 2001, S. 115 ff.).
3. Achtsamkeit in der Pädagogik bedeutet: Formen und Möglichkeiten des Gewahrseins und der Bewusstheit in allen Bereichen, Körper, Seele und Geist zu fördern und sich dabei des unauflöslichen Wechselspiels zwischen diesen nur begrifflich trennbaren Dimensionen bewusst zu sein. Die einfühlsame Bobachtung und Begleitung besonders von sehr kleinen Kindern am Anfang des Lebens und sehr alten Menschen an dessen Ende, zeigt deutlich, wie eng miteinander verflochten der körperliche, der emotionale und der geistige Bewegungsraum sich am Anfang ausdehnen und gegen Ende zusammenziehen, ein Prozess, in dem Ich-Grenzen aufgebaut werden und sich wieder auflösen.
So entstehen die Muster, die Orientierung im Verhalten bieten und sich an entsprechende Selbstbilder heften. Insbesondere diese Selbstbilder, unsere inneren Stimmen, bestimmen dann unsere Möglichkeiten. Diese, unsere Wahrnehmung und unser Erleben einschränkenden Strukturen, Muster und Selbstkonzepte wieder zu verflüssigen, steht im Zentrum körperlicher, emotionaler und geistiger Erziehung und Bildung zur Achtsamkeit. (Manchmal ist dies nur in therapeutischen Kontexten möglich.)
4. Achtsamkeit in der Pädagogik bedeutet: keine künstlichen Trennungen, sondern fließende Übergänge zwischen pädagogischen, therapeutischen und spirituellen Prozessen und Interventionen. Auf dem Hintergrund meiner persönlichen Erfahrung, die ich auch nicht aufteilen könnte in pädagogisch, therapeutisch, spirituell, scheint es mir vor allem darauf anzukommen, allem, was sich in den verschiedenen Dimensionen unserer Existenz auf leiblicher, emotionaler, mentaler oder spiritueller Ebene zeigt oder zu Wort meldet, liebevoll zu begegnen.
„Wir alle kennen Momente, in denen wir intuitiv, spontan genau das tun oder nicht tun, was der Moment erfordert und darin eine beflügelnde Atmosphäre von Stimmigkeit, Einklang und Verbundenheit erfahren.
[] Bewusstheit, sensibilisierte Wahrnehmung im Klima von ‚Ja, es ist gut so, wie es ist’, bewirkt das Wunder der Verlangsamung und Reinigung neurotischer Verhaftung“ (Plesse u. St. Clair 1995, S. 70).
5. Achtsamkeit in der Pädagogik bedeutet die Förderung von Selbst-verwirklichung und Selbst-hingabe. Beide verweisen aufeinander, ja bedingen sich in gewisser Weise gegenseitig. Nur ein in sich gefestigtes, geklärtes Ich kann sich hingeben. Also geht es in Erziehungs- und Bildungsprozessen zunächst um Selbstverwirklichung, um Aus-einandersetzung mit der Welt und eben darin ihrer An-eignung, erst später um die Bewusstmachung der damit verbundenen Anhaftungen und Fixierungen, deren Auflösung und einer neuen Verbundenheit.
Zusammengefasst:
Achtsamkeit in der Pädagogik bedeutet, bei dem zu sein, was ist und nicht auf das zu schielen, was sein sollte; aber in dem, was ist, auch zu erkennen, was sich zeigen und entfalten will. Dies ist die hoffnungsvolle Haltung, die alle großen Pädagogen im Innersten bewegt hat – vielleicht ihre größte Illusion, vielleicht auch das Tor zum Glück. Achtsamkeit in der Pädagogik heißt letztendlich: volle Präsenz in der Gegenwart.


Präsenz als Achtsamkeit für das Leben
Mit der Präsenz anfangen. Ich
[Charlette Auque-Dauber] spreche als Frau, die gerade 60 geworden ist, als eine Frau, die mit den üblichen Frauenrollen immer am Jonglieren ist, also als Tochter, Ehefrau, Mutter, Großmutter, Kollegin, Geliebte – was gibt es noch? Das heißt für mich ganz klar: Wenn ich das Glück finden soll/will, wo könnte ich meine Kraft, meine Energie und Lebensfreude anderswo schöpfen als in meinem Leben, in meinem Alle-Tage-Leben. Jetzt. Deshalb werde ich als Frau von Lebenskunst, dem, was auf Französisch „l’art de vivre“ heißt, sprechen.
Meine grundlegende These heißt: Jeder ist imstande, das Glück zu finden.
Die gute Nachricht lautet: Wir haben alles mitbekommen, was wir brauchen, um glücklich zu sein. Die schlechte Nachricht lautet, dass wir das, was wir mitbekommen haben, oft nicht zu gebrauchen wissen. Das Fundament des Glückes ist die Freude am Leben, die Freude, in der ich jeden Augenblick in voller Präsenz lebe und erlebe, d.h. zunächst den Augenblick mit all meinen Sinnen auskoste.


Augenblick und Präsenz
Das fängt schon mit der ersten Tasse Tee am Morgen an. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man den ersten Schluck mit voller Aufmerksamkeit trinkt, in dieser Sekunde nur Trinken ist, als ob es das erste Mal wäre, oder den Tee hinunterstürzt, in Gedanken schon mit der Planung des Tages beschäftigt. Die Japaner, die eine ritualisierte Teezeremonie praktizieren, nennen dieses Sein, diesen Seinszustand „Tee-Geist“. Oder: bei der morgendlichen Dusche; einfach nur bei dem sich-vom-Wasser-berieseln- lassen bleiben und „schmecken“, nur Haut sein.
Sobald diese lichten Momente des Hier-und-Jetzt im Meer unserer inneren Abwesenheit und Unbewusstheit auftauchen, merken wir, wie gut uns diese Präsenz tut, jeden Augenblick unserer Existenz in einer absoluten Fülle zu leben. Dies ist der radikale Grund(an)satz des Tantrismus. Wie Daniel Odier als Tantriker sagt: „Hier geht es lediglich um eine Wirklichkeit, nämlich das Bedürfnis, ganz und gar auf der Welt zu sein, – ohne Hemmungen, ohne Angst und ohne Beklemmungen. Schon der Wunsch genügt, sich rückhaltlos dem Leben zu stellen“ (Odier 2002, S. 89).
In dieser Radikalität der absoluten Präsenz treten wir in eine tiefe Kommunikation mit der Wirklichkeit. Wir kommen mit dem Leben in Berührung und mit jedem Augenblick, den wir im vollen Bewusstsein dieser Wirklichkeit leben, kommt die Dynamik der Präsenz weiter in Gang.
Die meisten von uns kennen solche Momente in ihrem Leben, Momente in denen das volle Gegenwärtigsein des Gewahrseins ganz spontaneintritt: in der Stille der Natur, beim Betrachten eines sternklaren südlichen Himmels, in einem Augenblick liebevoller Begegnung oder während einer künstlerisch-schöpferischen Tätigkeit. Ich spreche hier von den Lichtblicken der Kreativität – die ich etwa beim Malen erlebe –, den so genannten flow-Erlebnissen, wie der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (1991) sie genannt hat: einer „optimalen Erfahrung“, in der Selbstvertrauen, freiwilliges Bemühen, Geschicklichkeit und Herausforderung sich die Waage halten. Im Tun aufgehen, wie von einer Strömung getragen werden, absorbiert, gefesselt, vertieft und selbstvergessen: ein Zustand, in dem Gedanken vorübergehend ausgeschlossen sind, in dem Handeln und Bewusstsein geschmeidig und mühelos zusammenfließen, in dem „die Zeit keine Uhren mehr hat“, wie der Dichter Louis Aragon das Gefühl des Zeitlosen beschreibt.
Die Konzentration ist einfach da, wie beim Atmen, man denkt nicht daran. Beim Malen kann ich nicht sagen, ob ich Pinsel, Farbe oder Papier bin; das Denken macht keinen Versuch, sich von der Erfahrung abzusondern. Beim Auftauchen danach bleibt ein Gefühl des Einsseins mit der Umgebung, eine tiefe Erfahrung der Ausdehnung der eigenen Grenzen, des eigenen Seins.
Diese flüchtigen Momente, „les petits bonheurs“ wie man sie auf Französisch nennt – die Mehrzahl soll vielleicht ihre Kleinheit kompensieren –, der Tee-Geist, der flow-Moment, die völlige Gegenwärtigkeit haben etwas Gemeinsames: sie eröffnen uns einen Raum der Fülle, einen Raum absoluter Freiheit von Zeit, von Hoffnung, von Furcht, einen Raum frei von inneren Konflikten. Unser Leben ist von Wohlgefühl durchflossen wie von einer inneren Sonne. Deshalb plädiere ich dafür, diese Momente nicht zu bagatellisieren. Sie geben uns eine Vorahnung dessen, was Glück sein kann.
„Plaidoyer pour le bonheur“ ist der Titel eines Buches von Mathieu Ricard, dem französischen Übersetzer und Freund des Dalai Lama. Ricard hat bis zu seinem 30. Lebensjahr als Molekularbiologe in der Forschung gearbeitet und sich dann dem Buddhismus zugewandt. Seit 25 Jahren lebt er als Mönch in einem buddhistischen Kloster. Er definiert Glück als Seinszustand, als „un état d’être“ , als „Qualität, die jede Erfahrung und jedes Verhalten durchwebt und durchtränkt, den jetzigen Augenblick durchleuchtet und sich im nächsten Augenblick fortpflanzt, bis sie ein Kontinuum bildet. Dieses Kontinuum könnte man Lebensfreude nennen“ (Ricard 2003, S. 16).
Die Fähigkeit, die Dinge wie zum ersten Mal zu sehen, der „Anfängergeist“, ist das Herz der Achtsamkeit, die uns immer öfter der stumpfen, eintönigen Unbewusstheit entfliehen lässt. Während wir uns auf die Unmittelbarkeit der Gegenwart einstimmen, entfalten wir eine Haltung dem Leben gegenüber: wach zu sein für das, was ist.


Achtsamkeit und Intellekt
Dieses Wachsein als neu gewonnene Frische können wir auch nach innen richten. Denn was passiert in unserem Geist? Während wir unseren Alltag automatisiert erledigen, haben wir meistens unseren Geist mit Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen und Erwartungen voll gestopft. Unsere Aufmerksamkeit springt hin und her. Da herrscht im Kopf Unordnung, Unruhe, Ablenkung, oft Verwirrung. Auch hier werden wir von der Gegenwart weggezogen.
Präsenz ist nicht vereinbar mit Grübelei, und Zerstreutheit ist ein Anzeichen dafür, dass wir die Wahrheit des Augenblickes vermeiden. In diesem Chaos schaltet unser Geist am liebsten auf Automatik; jede neue Information wird etikettiert nach schon vertrauten Erfahrungen oder Emotionen, die uns nach oberflächlichen Annahmen und festgefahrenen Überzeugungen vorschreiben, wie wir reagieren können/sollen. Hier können wir auch das Innehalten trainieren. In der Tat geht es um ein Training: statt sich von einem Gedanken oder Gefühl einfangen oder mitreißen zu lassen, in die beobachtende Achtsamkeit zu gehen, wie diese Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Still beobachten, deren Funktionieren registrieren ohne sie verändern zu wollen. Wir holen unsere emotionalen Impulse und Reaktionen ans Licht des Bewusstseins und können gegebenenfalls vorgefasste Meinungen und Urteile in Zweifel stellen. „Sie brauchen Ihren Gedanken keinen Glauben zu schenken“, sagt Tara Bennett-Goleman (Bennett-Goleman 2002, S. 281 ff.). Oft ist unser Geist in Widersprüchen, Illusionen und inneren Kämpfen verfangen zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Da hilft nur eins: den Geist sein eigenes Drehbuch wahrnehmen lassen. Am Wünschen des Frosches ist eigentlich nichts verkehrt, wenn es dabei bliebe. Aber das Denken wünscht die Erinnerung zu wiederholen und steigt in das alte Programm wieder ein.
Durch Innehalten – Achtsamkeit ist ein meditatives Gewahrsein –, gewinnen wir größere Klarheit, Schärfe der Wahrnehmung und Einsicht. Es geht nicht darum, darüber nachzudenken, zu kommentieren, zu vergleichen oder zu beurteilen, es geht darum, diese/unsere innere, „nackte“ Wahrheit ohne weitere Schnörkel mit einem neugierigen Geist zu erforschen.


Achtsamkeit und Emotionen
Alte emotionale Gewohnheiten haben unser Innenleben in feste Bahnen gelegt. Dabei sind Fixierungen entstanden, die die Wirklichkeit des Augenblicks verzerren und in unserer Wahrnehmung viel zu oft einengen. Diese mentale Zerrbrille verleiht uns einen Tunnelblick und führt leicht zu unangemessenen, unangepassten Reaktionen.
Dann ist es wichtig, bei einer Empfindung oder einem Gefühl zu bleiben und es klar in den Blick zu nehmen, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Wenn wir zum Beispiel lange genug bei der Wut verweilen, können wir verfolgen, wie sie sich in etwas anderes verwandelt, Verletztsein, Enttäuschung, Traurigkeit und sich vielleicht sogar auflöst. Was zunächst so massiv wirkte, bricht zusammen, zerbröselt, verwandelt sich. Jede Emotion, positiv oder negativ, beinhaltet eine Energie zur Verwandlung. Deshalb geht es nicht darum, negative Emotionen „einfach“ loszuwerden, sondern die ihnen innewohnende Energie als „positive“ Kraft zu nutzen. Anhaltende Achtsamkeit erlaubt uns, diese Veränderung mit innerer Anteilnahme zu beobachten und dadurch zu befördern (Goleman 2003).
Wenn wir Emotionen mit Achtsamkeit verknüpfen und betrachten, können wir uns von den Zwängen dieser Muster befreien. Es geht nicht darum, den Verstand auszuschalten. Im Gegenteil. Es geht darum, den Verstand in seiner ureigensten Potenz, ohne Filter und intellektuelle Umwege, ohne Täuschungsmanöver, einzusetzen; ihm seine natürliche, inhärente Beweglichkeit zurückzugeben. Das Ziel ist, aus dem eigenen Geist ein besseres Werkzeug der inneren Transformation zu machen, „de faire de son esprit un meilleur outil de transformation intérieure“ (Ricard 2003, S. 332). Dies treibt uns in eine heitere Gelassenheit, une plénitude sereine, die keine vorübergehende Windstille ist, auch nicht das Auge des Zyklons. Diese Kraft der reinen Aufmerksamkeit gründet sich in ihrem Einfluss auf unsere Gedanken, Stimmungen und Gefühle: Diese Kraft durchdringt unser ganzes Wesen. Es ist eine befreiende Kraft, die uns zeigt, wie umfassender und vielschichtiger die Wahrheit der Wirklichkeit ist. Sie schenkt uns Unbeschwertheit, Flexibilität, inneren Frieden und macht uns offen für die ganze Palette der Möglichkeiten, für die ganze Fülle des Seins.
Was ich hier beschreibe, ist oft kein sehr gemütlicher Weg. Ich gestehe, ich habe ihn erst in einer Krisenzeit eingeschlagen, als für mich das Leiden zu groß wurde. Dieser Weg kann nur gegangen werden in einer Haltung der bedingungslosen Akzeptanz, in der wir uns anzunehmen lernen, so wie wir tatsächlich sind. Schritt für Schritt finden wir zu einer tiefen Vertrautheit mit uns selbst. Dazu gehört Geduld, Bescheidenheit und Mut, um zu einem emotionalen Gleichgewicht zu gelangen, das dann mit der Tiefe unserer Natur harmonisiert. Das heißt nicht, dass es kein Leiden mehr gibt, dass keine Stürme mehr ausbrechen werden, dass wir durch keine Wellen mehr umgeworfen werden.
Es geht auch nicht darum, Emotionen zu vermeiden oder abzuschaffen, auch nicht die negativen wie Zorn, Eifersucht oder Neid. Sie können aber dazu dienen, einen Perspektivwechsel zu wagen. Mathieu Ricard verwendet als Metapher das Bild eines Menschen, der ins Wasser fällt, das über ihm zusammenschlägt. Das zunächst feindliche Element ist aber auch die Voraussetzung dafür, ans Ufer schwimmen zu können; vorausgesetzt dieser Mensch hat schwimmen gelernt und ist „hinreichend fähig“, diese negativen Emotionen umzuwandeln, anstatt in ihnen zu ertrinken. Dabei können wir uns, wie schon die buddhistische Psychologie des 6. Jahrhunderts lehrt, auf die heilenden Kräfte unserer intuitiven Weisheit verlassen. Carl Rogers hat dies einmal so beschrieben:
„Wenn ich als Gruppenleiter oder Therapeut in meiner besten Form bin,
[] stelle [ich] fest, daß von allem, was ich tue, eine heilende Wirkung auszugehen scheint, wenn ich meinem inneren, intuitiven Selbst am nächsten bin, wenn ich gewissermaßen mit dem Unbekannten in mir in Kontakt bin, wenn ich mich vielleicht in einem etwas veränderten Bewusstseinszustand befinde. Dann ist allein schon meine Anwesenheit für den anderen befreiend und hilfreich. Ich kann nichts tun, um dieses Erlebnis zu forcieren, aber wenn ich mich entspanne und dem transzendentalen Kern von mir nahe komme, dann verhalte ich mich manchmal etwas merkwürdig und impulsiv in der jeweiligen Beziehung, ich verhalte mich auf eine Weise, die ich rational nicht begründen kann und die nichts mit meinen Denkprozessen zu tun hat. Aber dieses seltsame Verhalten erweist sich merkwürdigerweise als richtig: Es ist, als habe meine Seele Fühler ausgestreckt und die Seele des anderen berührt. Unsere Beziehung transzendiert sich selbst und wird ein Teil von etwas Größerem. Starke Wachstums- und Heilungskräfte und große Energien sind vorhanden." (Rogers 1983, S. 80).
Die Erfahrung innerer Freiheit und die Zuversicht, den Anderen erreichen zu können, „seine Seele berühren zu können“, weiten unseren inneren Raum und schaffen über uns hinausgehende Verbundenheit. Unsere Selbstbilder und Selbstgefühle stehen nicht mehr im Zentrum. Wir werden offen für andere, für die Welt, für das Leben.
Begibt man sich auf diesen Weg, hat man diesen offenen Raum einmal kennen gelernt, ist die Wärme einer Kinderhand, die sich in unsere Hand schmiegt, nicht nur eine kleine Glückserfahrung, sondern eröffnet eine Tür zu unserer Fülle des Seins.



Literaturverzeichnis

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Dauber, H.; Zwiebel, R. (Hg.): Professionelle Selbstreflexion aus pädagogischer und psychoanalytischer Sicht. Bad Heilbrunn, S. 109-140.


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