Hinweis: leider sind hier die Fußnoten inkorrekt dargestellt. Anfragen bitte direkt an mich.
nils

Nils Altner: Einige beforschte Wirkungen und Wirkzusammenhänge der Achtsamkeitspraxis
Im pädagogischen Kontext sind besonders die Forschungsergebnisse interessant, die sich mit der Veränderung von Beziehungsqualitäten im Rahmen von achtsamkeitsbasierten Lernangeboten beschäftigen. So zeigte eine Untersuchung mit Eltern von autistischen und entwicklungsverzögerten Kindern, die lernten, achtsames Gewahrsein zu praktizieren, zugewandter, gelassener und zufriedener wurden und dass dadurch auch ihre schwierigen Kinder lernten, freundlicher mit ihren Geschwistern umzugehen.[[#_edn1|[i]]] Zwei Untersuchungen mit Ehepaaren zeigen, dass die Praxis von achtsamem Gewahrsein Liebespartner dabei unterstützt, konstruktiv und liebevoll miteinander zu sprechen und umzugehen. Die achtsamen Frauen und Männer konnten besser mit Beziehungsstress umgehen, regten sich deutlich weniger über einander auf, konnten Ärger und andere Gefühle besser regulieren und konstruktiver in Worte fassen und waren glücklicher mit ihren Beziehungen als vor der Achtsamkeitsschulung.[[#_edn2|[ii]]] [[#_edn3|[iii]]]

PsychotherapeutInnen in Ausbildung, die regelmäßig Meditation praktizierten, erzielten signifikant bessere Therapieerfolge als ihre nichtmeditierenden KollegInnen.[[#_edn4|[iv]]] Untersuchungen von Meditationsangeboten für Pflegepersonal zeigte, dass sie sowohl die Fähigkeiten der Selbstfürsorge als auch die fürsorgliche Interaktion mit den PatientInnen förderten.[[#_edn5|[v]]] Psychiatrisches Personal, das mit selbstverletzenden Patientinnen mit Borderline Symptomatik arbeitete profitierte durch eine Ausbildung in Dialektisch Behavioraler Therapie nach Linehan. Die Stress-Copingskills im direkten Patientenkontakt und auch in anderen Kontexten nahmen zu, wobei der Aspekt der Achtsamkeit als besonders hilfreich erlebt wurde. [[#_edn6|[vi]]]
Diese Erkenntnisse zur Wirkung von Achtsamkeit auf der Beziehungs- und Verhaltensebene lassen sich durch Studienergebnisse auf somatischer, emotionaler und kognitiver Ebene ergänzen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine strukturierte Praxis von Achtsamkeit u.a. zu folgenden physiologischen Veränderungen führen kann:
· Reduzierte Kortisolkonzentration18
· Reduzierter Blutdruck18
· Reduzierte Konzentration proinflammatorischer Zytokine18
· Verringerte Atemfrequenz [[#_edn7|[vii]]]
· Verstärkte Immunaktivität[[#_edn8|[viii]]] [[#_edn9|[ix]]]
· Zunahme positiver Affekte bei vermehrter linksseitiger präfrontaler Hirnaktivität 20
· Morphologische Veränderungen im Kortex bei Langzeitmeditierenden[[#_edn10|[x]]]

Bei der von Davidson und Kollegen durchgeführten Untersuchung zu Hirnaktivität und Immunfunktion vor und nach einem achtwöchigen Achtsamkeitskurs konnte ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Verschiebung der Gehirnaktivität von der rechten zur linken präfrontalen Region der Hirnrinde, der damit verbundenen Verbesserung der Gestimmtheit und der Intensität der Immunreaktion auf eine Grippeschutzimpfung festgestellt werden. Je positiver die generelle Gestimmtheit einer Person geworden war, desto robuster reagierte ihr Immunsystem. 30

Eine morphologische Untersuchung des Kortex mit bildgebenden Magnetresonanzverfahren bei Langzeitmeditierenden sowie bei einer Kontrollgruppe ohne Meditationspraxis fand signifikante Unterschiede in den Hirnstrukturen. In der Gruppe der Meditierenden wurden durchweg stärker ausgeprägte Strukturen im somatosensorischen und auditorischen Kortex, sowie in der rechten anterioren Insula gefunden, die laut der Autoren für die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit für innerorganismische Empfindungen und Vorgänge inklusive des Atems und der inneren Organe zuständig sind. Das heißt, dort existierten dichtere und mehr neuronale Netzwerkstrukturen. Diese wahren im inferioren occipitotemporalen visuellen Kortex und in der rechten anterioren Insula umso stärker ausgeprägt, je mehr Jahre die Person schon meditierte. Ebenfalls voluminöser waren die Brodman Areale 9 und 10 (rechter mittlerer und superiorer Frontalsulcus) ausgebildet, die, so ist aus anderen Studien bekannt, bei der Wahrnehmung und Integration von Gefühlen und Kognitionen beteiligt sind. Der mit dieser Integrationsleitung verbundene Bereich war interessanterweise in der Gruppe der Nicht-Meditierten bei den älteren Personen zwischen 40 und 50 Jahren deutlich dünner als bei den jüngeren im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, was auf eine altersbedingte Schrumpfung hindeutet. Die älteren Meditierenden jedoch zeigten solche Alterserscheinungen nicht.31 Der Hirnforscher und Psychiater Dan Siegel, der unlängst den Stand der Neurowissenschaften im Bezug auf die Erforschung der Phänomens Achtsamkeit umfassend dargestellt hat, fasst die Bedeutung der vermutlich mit diesen Hirnarealen verbundenen inneren Wahrnehmung, Integration und Resonanz so zusammen:

„Einstimmung im Innern entsteht, indem wie das primäre „Wer“ unterhalb des sekundären Geplappers unseres geschäftigen Geistes spüren. Es ist diese innere Einstimmung auf unser primäres Selbst, welches das kraftvolle Gefühl erzeugt, zu Hause anzukommen... Jenes Selbst willkommen zu heißen, ist das Feiern des Lebens, zu dem uns die Achtsamkeit einlädt.“[[#_edn11|[xi]]]

Eine Zusammenstellung von weiteren aktuellen Ergebnissen der internationalen Forschung zu Achtsamkeit und Meditation findet sich
hier .


[[#_ednref1|[i]]]Singh, N. N.; Lancioni, G. E. et al. (2007). "Mindful parenting decreases aggression and increases social behavior in children with developmental disabilities." Behav Modif 31(6): 749-71.
[[#_ednref2|[ii]]]Barnes, S., K. W. Brown, et al. (2007). "The role of mindfulness in romantic relationship satisfaction and responses to relationship stress." J Marital Fam Ther 33(4): 482-500.
[[#_ednref3|[iii]]]Wachs, K. and J. V. Cordova Ibid."Mindful relating: exploring mindfulness and emotion repertoires in intimate relationships." 464-81.
[[#_ednref4|[iv]]]Grepmair, L., F. Mitterlehner, et al. (2007). "Promotion of mindfulness in psychotherapists in training: preliminary study." Eur Psychiatry 22(8): 485-9.
[[#_ednref5|[v]]]Raingruber, B.; C. Robinson (2007). "The effectiveness of Tai Chi, yoga, meditation, and Reiki healing sessions in promoting health and enhancing problem solving abilities of registered nurses." Issues Ment Health Nurs 28(10): 1141-55.
[[#_ednref6|[vi]]]Perseius, K. I., A. Kaver, et al. (2007). "Stress and burnout in psychiatric professionals whenstarting to use dialectical behavioural therapy in the work with young self-harming women showing borderline personality symptoms." J Psychiatr Ment Health Nurs 14(7): 635-43.
[[#_ednref7|[vii]]]Stefano, G. B. and T. Esch (2005). "Integrative medical therapy: examination of meditation's therapeutic and global medicinal outcomes via nitric oxide (review)." Int J Mol Med 16(4): 621-30.
[[#_ednref8|[viii]]]Robinson, F. P., H. L. Mathews, et al. (2003). "Psycho-endocrine-immune response to mindfulness-based stress reduction in individuals infected with the human immunodeficiency virus: a quasiexperimental study." J Altern Complement Med 9(5): 683-94.
[[#_ednref9|[ix]]]Davidson, R. J., J. Kabat-Zinn, et al. (2003). "Alterations in Brain and Immune Function Produced by Mindfulness Meditation." Psychosomatic Medicine 2003(65): 564-570.
[[#_ednref10|[x]]]Lazar, S. W., C. E. Kerr, et al. (2005). "Meditation experience is associated with increased cortical thickness." Neuroreport 16(17): 1893-7.
[[#_ednref11|[xi]]] Siegel, D. (2007). Das achtsame Gehirn. Freiamt: Arbor, S. 404.